Einführende Worte

Text von Eva Buhrfeind zur Ausstellung SchattenwurfSchatten

Mit dem Zufall der Form eine Gestalt geben

«Der Schattenwurf eines Körpers ist sein Wurfschatten…»

 

Der Schatten: Jeder Körper hat seinen Schatten, der Schatten ist wie ein Projektionsbild des im «Weg des Lichtes stehenden» Gegenstandes. Dabei ist jeder Schatten anders, er wandert mit dem Licht und Sonnenstand, ist abhängig von Lichtquelle und Lichteinfall, Lichtintensität, Zeit und Raum. Der Schatten ist immer momenthaft, ein Zustand des Augenblicks, vergänglich und doch einmalig. Man kann es physikalisch sehen, literarisch, sogar tiefenpsychologisch – oder eben künstlerisch: Der Schatten eines Objektes wird zum Objekt einer künstlerischen Auseinandersetzung. «Der Schattenwurf eines Körpers ist sein Wurfschatten», nennt es die Künstlerin, und so, wie der Schatten vor allem physikalisch ein weites Feld ist, so wird er für Eliana Bürgin zum weiten Feld der Entdeckungen, Wandlungen und Verwandlungen, der Sichtungen und Neusichtungen, je nach Objekt und Körper im Licht- und Schattenspiel.

 

Für Eliana Bürgin aus Ettingen ist der Schatten in der Natur – von der Sonne geworfen, dem Sonnenstand und der Intensität entsprechend variationsreich – Inspiration, ja eine Fundgruppe für ihr bildnerisches Schaffen.

«Bildfundstücke, die in ihrer Form nie wiedererscheinen werden…»

 

Wie überhaupt die Natur mit ihren mannigfaltigen organischen Formen, den kleinen vielfältigen Zeichen, Gestaltungen und Motiven, vielfältige – meist spontane – Anregungen liefert. Einfache alltägliche Eindrücke sind es, oft zufällig Entdecktes wie Pflanzen, Blätter, Blüten, Zweige, die die Grundlage für ihre spannungsvollen Bildideen bilden. Und die aus dem Zufall des Standortes und des Lichteinfalls als eigenwillige wie reizvolle Schattenwürfe einen wenn auch kurzlebigen eindrücklichen Ausdruck darbieten: Kurze Momente eines Augen-Blicks, einer bildhaften Vergänglichkeit, deren faszinierende Schattenbilder Eliana Bürgin inspirieren, die sie mit dem Skizzenbuch oder der Kamera «sammelt». Bildfundstücke, die in ihrer Form nie wiedererscheinen werden und die sie später im Atelier ausarbeitet, verdichtet, in die Abstraktion führt, reduziert oder verfremdet, vereinfacht oder zeichnerisch weiterführt, sie zu einer neuen Bildästhetik und wesenhaften Bildgeschehen verwandelt.

«…mit der Form experimentieren, feine Effekte erzielen, eine dichte, reine, taktile Samtigkeit…»

 

Dieser inspirierenden und kreativen Neugier steht die Begeisterung für die darstellenden Techniken gegenüber, wenn es gilt, den Zauber des Augenblicklichen, des Vergänglichen im Bild zu neuen wirkungsvollen wie nachhaltigen Bildmomenten zu vertiefen. In den Tiefdrucktechniken hat Eliana Bürgin ihr künstlerisches Medium gefunden, um das Freiheitliche und die Kreativität der Tiefdrucktechniken auszuleben, Techniken zu kombinieren, um dem Momenthaften der gefundenen Formen eine sinnliche Tiefe und einprägsame Wirkung zu verleihen und gleichzeitig neue Geschichten entstehen zu lassen. Bei Eliana Bürgin – sie hat sich im Rahmen von Seminaren an der Volkshochschule in Bern und an der Schule für Gestaltung Basel gestalterisch ausgebildet – ist diese Begeisterung für die Tiefdrucktechniken in den Arbeiten, in der Auseinandersetzung und Originalität der Bilderschaffung förmlich spürbar. Zu ihren bevorzugten Techniken gehören die Radierung, die Vielfältigkeit der eher malerischen Aquatinta, Kaltnadel und Direktätzung, vor allem aber die Raffinesse des Mezzotinto, diese Zeit, Konzentration und Kontemplation erfordernde Schabtechnik, mit deren samtig-schwarzem Druck sich sämtliche Tonwerte von ganz hell bis ganz dunkel für eine kontrastreiche Licht-Schatten-Wirkung erzeugen lassen. Hier kann sie ihre Gedanken einfliessen lassen, mit der Form experimentieren, feine Effekte erzielen, eine dichte, reine, taktile Samtigkeit, die das Schattenhafte zur plastischen, malerischen Wirkung steigert. Oder das Vernis Mou, die Weichgrundätzung, in die man auch Pflanzliches hineinpressen kann für eine direkte Prägung und so die naturhaften Strukturen wirken zu lassen, um sie in neue Dimensionen zu führen.

 

Ganz speziell und einfallsreich, ja beinahe filmisch geben sich die blautonigen Fotogramme mit Gräsern, Blüten oder mit Fotonegativen. Die Cyanotypie, auch als Lichtdruck, Blaudruck bekannt, eine leider schon fast in Vergessenheit geratene monochrome Fototechnik, mit der Eliana Bürgin die Natur direkt – und indirekt in der Natur – in das grafische Moment einfliessen lässt. Ein altes fotografisches Edeldruckverfahren mit typisch cyanblauen Farbtönen, bei dem das Bild dabei direkt im Papier und nicht nur in einer Schicht an der Oberfläche entsteht. Hier nun werden das Fotonegativ oder die Pflanzen, Gräser direkt auf das lichtempfindliche Papier gelegt; unter einer Glasplatte eingeklemmt erfolgt die Belichtung unter direktem Sonnenlicht: So entwickeln sich fast magisch stimmende Momente. Licht wird zum Schatten, Schatten zum Licht – die Form und sein Schattenwurf wandeln sich, wie in einem Filmstill, zur geheimnisvollen Spannung.

 

 

Eva Buhrfeind, August 2016