Artikel Riehener Zeitung

RENDEZ-VOU MIT ...der freischaffenden Künstlerin Eliana Bürgin-Lavagetti, die in Riehen aufgewachsen ist

Text von Nathalie Reichel, 22. Mai 2020


Sie lässt sich von der Natur inspierieren

Für sie ist Kunst eine Leidenschaft. Und ein Leben ohne Kunst kann sie sich gar nicht vorstellen. Eliana Bürgin-Lavagetti lässt sich vom Erschaffen und Kreativsein faszinieren – und das schon seit sie denken kann. «Ich habe eigentlich schon immer gerne gezeichnet und gemalt», sagt die 63-Jährige. In ihrer Kindheit sei sie oft in die Langen Erlen gegangen und habe am liebsten Elche oder Stiefmütterchen nachgezeichnet. «Wegen ihrer schönen und zugleich einfachen Form», erklärt sie.

 

Heute mag Bürgin-Lavagetti immer noch die Nähe zur Natur, wohnt aber nicht mehr in Riehen, wo sie geboren und aufgewachsen ist, sondern in Ettingen. Dennoch vergisst sie bis heute den Ort, wo sie ihre Kindheit verbracht hat, nicht. Ganz im Gegenteil sogar: «Ich habe viele schöne Erinnerungen an Riehen», sagt sie fast schon etwas nostalgisch. Eine davon habe sie besonders geprägt: «Wir wohnten im Dorfzentrum, in der Nähe eines Bauernhofs. Und ich sah, wie der Bauer mit seinen Kühen jeden Morgen durch das Dorf lief, um sie auf die Weide zu bringen und am Abend den gleichen Weg wieder zurückging. Ganz gemütlich. Dabei mussten die Autos warten, bis er mit den Kühen die Strasse überquert hatte», erzählt sie bildhaft. Es ist vor allem das malerische Dorfleben, das sie so sehr gemocht habe: das «Milchhüsli», den Schuhmacher, ja sogar den Migros-Wagen, der ab und zu noch vorbeifuhr. «Das Dorf hat sich seither schon sehr verändert», meint die Künstlerin, die immer noch regelmässig nach Riehen kommt, um ihren Vater zu besuchen.

 

Zahlreiche Kunstwerke von Eliana Bürgin-Lavagetti schmücken die Atelierwand. Die meisten sind mit dem Tiefdruckverfahren der Schabtechnik (auch Mezzotinto genannt) angefertigt, wofür die Künstlerin mit der Zeit klare Präferenzen entwickelte. Seit ihrer Pensionierung vor drei Jahren hat sie viel mehr Zeit für ihre Leidenschaft, die sie zwar lebenslang begleitet, dennoch nie zu ihrem Beruf wurde. Nach einem Sprachaufenthalt in England absolvierte die damals 20-Jährige nämlich eine Verkaufslehre, machte eine kaufmännische Weiterbildung und arbeitete anschliessend 36 Jahre lang als Buchhalterin in einem Verlag in Basel. «Die Kunst war für mich der ideale Ausgleich zu meiner Arbeit, die überhaupt nichts mit Kreativität zu tun hatte.»

 

Simple Formen faszinieren sie

Aus einer Schachtel holt sie vorsichtig ein Leporello heraus. «Meine Abschlussarbeit», erklärt sie und berichtet von ihrer berufsbegleitenden Ausbildung an der Schule für Gestaltung, die sie zu Beginn der 2000er Jahre mit Spezialisierung in Mezzotinto absolviert hat. Auf den Seiten des Faltbuchs sind unterschiedliche Formen von geschnittenen Peperoni zu erkennen. Offensichtlich lässt sich die Künstlerin von der Natur inspirieren. Simple, manchmal zufällig entstandene Formen faszinieren sie. Wie zum Beispiel diese Gemüsestückchen oder der Schattenwurf einer Pflanze. «Wenn ich eine Idee habe, muss ich sofort skizzieren, was daraus werden könnte. Sonst vergesse ich es wieder», sagt Bürgin-Lavagetti und zeigt auf ein kleines Notizbüchlein, das fast schon ein Kunstwerk für sich ist.

Die in Riehen aufgewachsene Künstlerin ist seit ihrer Pensionierung freischaffend tätig. In Zusammenarbeit mit dem Forum Künstlerbuch Basel und der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen, wo sie Mitglied ist, konnte sie schon Ausstellungen in den verschiedensten Ländern Europas realisieren. Momentan ist noch bis zum 30. Mai ihre zweite Einzelausstellung im Museum Design Collection in Basel zu sehen. Die ausgestellten Werke wurden, wie für Eliana Bürgin-Lavagetti üblich, mittels Tiefdruckverfahren angefertigt und zeigen abstrakte Formen, die viel Interpretationsraum offenlassen. «Und genau das ist auch mein Ziel: Dass jeder Betrachter etwas anderes darin sieht», bringt sie es auf den Punkt. Danach macht sie einen kleinen Rundgang durch das Atelier, das sie vor einigen Jahren in ihrer Wohnung eingerichtet hat.

 

Es kommt aufs Detail an

Nun nimmt sie eine Kupferplatte in die Hand und beginnt mit einem Mezzotinto-Messer die Oberfläche der Platte aufzurauen. «Anschliessend pause ich das gewünschte Motiv auf die Platte und poliere die entsprechenden Stellen wieder auf», erklärt die Künstlerin die weitere Vorgehensweise. In einem nächsten Schritt werde die Kupferplatte eingefärbt und die überschüssige Farbe wieder weggenommen. «Hier kommt es aufs Detail an.» Denn: «Hat die Platte zu viel Farbe, wird das Motiv am Schluss nicht mehr gut zu sehen sein.»

Kurze Zeit später nimmt sie ein Papier und legt es behutsam auf die Platte, damit das Ganze durch die Druckmaschine geschoben und die Farbe auf das Blatt gedruckt werden kann. Und unmittelbar danach ist auch schon Endergebnis ersichtlich. Die Schabtechnik ist in der Praxis gar nicht so unkompliziert, wie es zunächst tönt. Hinter jedem Kunstwerk stecken freilich viele Schritte und jede Menge an feinfühliger Arbeit. Bürgin-Lavagettis Ausführungen, aber auch die Vielfalt an Werkzeugen und Materialien im Raum lassen da keine Zweifel aufkommen.

 

Nathalie Reichel, Mai 2020